O Mensch, beweine deine Sünd

OSTERGEDICHTE

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Frühlingsgedichte

Eichendorff
Goethe


zum Geburtstag





Schönes Ostergedicht von Paul Gerhardt und weitere Gedichte zur
Frühlings- und Osterzeit, sowie Links-, Bücher- und Geschenk-Tipps.

O Mensch, beweine deine Sünd

O Mensch beweine deine Sünd,
Um welcher willen Gottes Kind
Ein Mensche musste werden;
Er kam von seines Vaters Thron,
Ward einer armen Jungfrau Sohn,
Tat grosse Ding auf Erden.
Die Kranken macht er frisch und stark
Und risse, was schon lag im Sarg,
Dem Tod aus seinem Rachen;
Bis dass er selbst durch Feindes Händ
Am Kreuze seines Lebens End
In Schmerzen musste machen.

2.
Denn als nun wieder Ostern war,
Nahm er zu sich der Zwölfe Schar
Und sprach mit treuem Munde:
Nach zweien Tagen kommt die Nacht,
Da man das Osterlämmlein schlacht't;
Dann ist auch meine Stunde.
Da ging die ganze Klerisei
Zu Rat, wie sie ihm kämen bei,
Hingegen die ihn liebte,
Salbt ihn gar schön in Simons Haus,
Der Herr strich diese Tat heraus,
Schalt den, der sie betrübte.

3.
Das war der bös Ischarioth,
Der seinen Herrn der bösen Rott
Geschworen zu verraten.
Das fromme Lamm, der Heiland, kam,
Ass süsses Brot und Osterlamm,
Wie andre Juden taten.
Drauf stiftet er sein Fleisch und Blut,
Des Neuen Testamentes Gut,
Zu trinken und zu essen,
Und stund hernach von seinem Ort,
Wusch seine Jünger, redt'te Wort,
Die nimmer zu vergessen.

4.
Er kam zum heilgen Öleberg;
Da, da ging an das hohe Werk
Mit Zittern und mit Zagen.
Die Erde nahm den Blutschweiss an,
Der häufig aus ihm drang und rann,
Der Himmel hört ihn sagen:
O Vaterherz, gefällt es dir,
So gehe dieser Kelch von mir;
Wo nicht, gescheh dein Wille!
Und täte das zum dritten Mal,
Indessen lag der Jünger Zahl
In Schlaf und süsser Stille.

5.
Ach, sprach das liebe treue Herz,
Ihr liegt und schlaft; mich hat der Schmerz
Und Todesangst umfangen.
Ach, wacht und betet, betet, wacht!
Damit ihr von des Feindes Macht
Nicht werdet hintergangen.
Nun ist mein Stündlein vor der Tür,
Steht auf! Da kommet her zu mir
Mein Jünger und Verräter!
Er hatte kaum gehöret auf,
Umringt ihn Judas und sein Hauf
Als einen Übeltäter.

6.
Der Führer küsst ihn mit dem Mund,
Und war doch nichts im Herzensgrund
Als bittres Gift und Fluchen,
Doch trat der Heiland frei dahin,
Sprach klar und deutlich: seht, ich bin,
Den eure Augen suchen.
Sucht ihr denn mich, so lasset gehn,
Die ihr hier bei mir sehet stehn.
Meint hiermit seine Jünger.
Und als des Petri strenger Sinn
Den Malchum schluge, heilt er ihn
Am Ohr mit seinem Finger.

7.
Steck ein das Schwert, sprach unser Licht,
Solch Arbeit dienet hieher nicht,
Mein Kelch muss sein getrunken.
Drauf ist der Richter aller Welt
Den Hohepriestern dargestellt;
Und da ist auch gesunken
Des Petri Herz und Leuenmut,
Nicht zwar durch Schwert und Feuersglut,
Nur durch ein blosses Fragen,
Ob er nicht Jesu Jünger sei?
Da fällt sein Glaube, Lieb und Treu,
Weiss nichts als Nein zu sagen.

8.
Auf diesen Fall kam grosse Reu,
Er fing an, da der Hahne schrei,
Sehr bitterlich zu weinen.
Das Auge, das die Herzen sieht,
Tät einen Blick, liess Gnad und Güt
Dem armen Petro scheinen.
Die falschen Zeugen traten dar
Und red'ten viel, so nimmer wahr,
Auch niemals wird geschehen;
Drum auch der Herr unnötig schätzt,
Dass er sein Wort dagegen setzt,
Lässts durch den Wind zerwehen.

9.
Dem aber, dem er ward verklagt,
Antwortet er, da er ihn fragt,
Ob er von Gott geboren:
Ja, ich bin Mensch und Gottes Sohn,
Der Welt zum Heil, zur Freud und Kron
Vom Vater auserkoren;
Ihr werdet meine Herrlichkeit
Zur Rechten Gottes mit der Zeit
Hoch in den Wolken sehen. –
Das nennt der Lästrer Lästerwort,
Da schrie ein jeder: Tod und Mord!
Da ging es an ein Schmähen.

10.
Man schlug, man spie ihm ins Gesicht.
O Wunder, Wunder, dass hier nicht
Die Erde sich zerrissen!
O Wunder, dass nicht Gottes Grimm
Mit seiner starken Donnerstimm
Vom Himmel drein geschmissen!
Sie bunden ihm die Augen zu
Und hatten weder Mass noch Ruh
Im Höhnen und im Schlagen;
Denn wenn sie schlugen, fragten sie:
Sag an, wer tats? Du kannst es je
Als ein Prophete sagen!

11.
Und damit war es noch nicht aus.
Am Morgen ward er in das Haus
Pilati hingeführet.
Der Judas dacht den Sachen nach,
Sein frecher Sinn sank hin und brach,
Sein Herze ward gerühret;
Es ward ihm leid, er hatte Reu,
Weil aber war kein Trost dabei,
Ging Seel und Leib zugrunde.
Er nahm ein grausam schrecklich End,
Er und sein Name bleibt geschänd't
Noch bis auf diese Stunde.

12.
Da Jesu vor Pilato stund,
War sehr viel Klag und gar kein Grund;
Das meiste, das man triebe
War, dass er nichts mehr tu und lehr,
Als was die Untertanen kehr
Vons Kaisers Pflicht und Liebe,
Dieweil er sich zum Könge macht.
Pilatus ward dahin gebracht,
Dass er den Herren fragte,
Ob er der Juden König wär?
Der Herr sprach: Ja, zu Gottes Ehr,
Er wäre, was er sagte.

13.
Weil nun Herodes, dessen Hand
Sonst herrscht im Galiläerland,
Gleich damals war zugegen,
Schickt ihm Pilatus Christum hin.
Des freut er sich in seinem Sinn,
Liess ihn zum Spott anlegen
Ein weisses Kleid, ein arme Tracht,
Und da man seiner gnug gelacht,
Da schickt er ihn zurücke
Pilato heim; der ging zu Rat
Und fand ihn rein von arger Tat,
Unschuldig aller Tücke.

14.
Er nahm den Mörder Barrabam,
Dem jedermann sonst war sehr gram,
Den stellt er in die Mitten:
Hier sind der Übeltäter zwei,
Sprach er zum Volk, es steht euch frei,
Ihr möget einen bitten. –
Halt Jesum, schrie die tolle Schar,
Lass Barrabam, wie er vor war,
Frei ledig in das Seine. –
Was fang ich denn mit Jesu an? –
Ans Kreuz, ans Kreuz mit diesem Mann!
Antwortet die Gemeine.

15.
Da gab Pilatus Jesum hin
Dem Kriegesvolk, das geißelt ihn
Ohn alle Gnad und Schonen.
Der freche Haufe trat zuhauf
Und setzen unserm Könge auf
Von Dornen eine Kronen.
Er ward gehandelt als ein Tor;
Sie äfften ihn mit einem Rohr
Und schlugen ihn nicht wenig.
Du bist ein König, sagten sie,
Drum beugen wir dir unsre Knie,
Glück zu, o Judenkönig!

16.
Als er nun übel zugericht't,
Führt ihn Pilatus ins Gesicht
Des Volks und sprach darneben:
Seht, seht doch, welch ein armer Wurm!
Nun wird sich euer Grimm und Sturm
Einmal zufrieden geben. –
Nein, nein, sprach die vergallte Rott,
Zum Kreuz, zum Kreuz! Nur immer tot! –
Pilatus wusch die Hände
Und wollt im Kote reine sein;
Dem aber, der in allem rein,
Bestimmt er Tod und Ende.

17.
Das Leben ging zum bittern Tod
Und musste seine letzte Not
Mit eignen Schultern tragen.
Er trug sein Kreuz und unsern Schmerz,
Darüber führt manch Mutterherz
Ein hochbetrübtes Klagen.
Weint nicht, sprach Christus, über mich,
Ein jeder weine über sich
Und über seine Sünde!
Es kommt die Zeit, da selig wird
Gepreiset die, so nicht gebiert
Und gar nicht weiss vom Kinde. –

18.
Da man nun kam zur Schädelstatt,
Da ward, ders nicht verdienet hat,
Bis in den Tod gekränket.
Zwar also, dass ein Mörderpaar
Zur Seiten wurde hier und dar
Er mitten ein gehenket.
Man nahm ihm Leben, Ehr und Blut;
Den sanften Sinn, den frommen Mut,
Den mussten sie ihm lassen.
Er liebte, die ihm weh getan,
Rief seinen Vater für die an,
Die ihm sein Herz zerfrassen.

19.
Pilatus heftet oben an
Ein Überschrift, die jedermann,
Der bei dem Kreuz gewesen,
Hebräer, Römer, Griechenland
Und wer Vernunft hat und Verstand,
Gar wohl hat können lesen.
Die Krieger nehmen ihm sein Kleid
Und teilen sich diese Beut,
Der Rock bleibt unzerstücket;
Er wird dem Los anheimgestellt,
Des soll er sein, wem jenes fällt;
Lasst sehen, wem es glücket.

20.
Maria voller Lieb und Treu
Stund an dem Kreuz, und auch dabei,
Den unser Heiland liebte.
Sieh hier, sprach Jesus, Weib, dein Sohn!
Und Jünger, siehe deine Kron
Und Mutter, die betrübte;
Die lass dir ja befohlen sein! –
Dies Wort, das drang ins Herz hinein
Johanni, dem geliebten.
Er nahm die auf und tat ihr wohl,
Die andern machten Jammers voll
Durch Bosheit, die sie übten.

21.
Viel Lästrer red'ten böse Ding,
Auch einer, der zur Seiten hing,
Goss auf ihn seinen Geifer.
Der aber an dem andern Ort
Straft ihn und seine Lästerwort
Mit grossem Ernst und Eifer,
Sprach Jesum an: O Himmelsfürst,
Gedenke meiner, wenn du wirst
Nun in dein Reich eingehen! –
Fürwahr, fürwahr, ich sage dir,
Sprach Jesus, du wirst heut bei mir
Im Paradiese stehen.

22.
Der Mittag kam und war doch Nacht,
Die Sonn, die alles fröhlich macht,
War selbst mit Leid erfüllet.
Des Lichtes Schöpfer fühlet Pein,
Drum musst mit finstern Schatten sein
Das schönste Licht verhüllet.
Eli! rief Jesus, Gott, mein Gott,
Wie lässt du mich in meiner Not
Und Angst so gar alleine?
Und bald darauf: Mich dürstet sehr! –
Das alles hört der Juden Heer
Und weiss nicht, was er meine.

23.
Sie sind vom Zorne taub und blind,
Hart wie ein Stein, der nichts empfindt,
Auch gar nicht zu erweichen.
Sie nehmen aus dem Essigfass
Und machen einen Schwamm mit nass,
Den lassen sie ihm reichen.
Ihr Herz ist voller Bitterkeit,
Und damit sind sie auch bereit,
Den, der jetzt stirbt, zu laben.
Viel machen aus dem Ernst ein Spiel
Und sprechen: halt, lass sehn, er will
Eliä Hilfe haben. –

24.
Er aber sprach: Es ist vollbracht!
Und darauf ward er von der Macht
Des Todes überfallen.
Er neigte sich zur sanften Ruh,
Er schloss die schwachen Augen zu
Und schrie mit grossem Schallen:
Nimm auf, nimm auf, Herr, meinen Geist,
Du, mein herzliebster Vater, weisst,
Wie du ihn sollst bewahren! –
Und also ist der grosse Held,
Der Himmel, Erd und alles hält,
Von dieser Welt gefahren.

25.
Er fuhr dahin. Im Augenblick
Zerriss der Vorhang in zwei Stück,
Die Erd erschrak und bebte.
Die Felsen sprangen in die Luft,
Auch öffnet sich der Gräber Gruft
Und was darinnen lebte.
Der Juden Herzen blieben hart,
Allein der Hauptmann, dem da ward
Die Wach am Kreuz befohlen,
Der glaubt, und mit ihm sein Gesind,
Es wäre Jesus Gottes Kind
Und sagtens unverhohlen.

26.
Man brach den Schächern ihre Bein,
Mein und dein Heiland blieb allein
An Beinen ungebrochen.
Das aber ist wahr und gewiss,
Dass ein Soldat mit seinem Spiess
Die Seiten ihm zerstochen,
Aus welcher Wund ein edle Flut
Von Blut und Wasser uns zugut
Alsbald herausgeflossen.
Zuletzt ward er vom Kreuz gebracht
Und, wohl beschickt, noch vor der Nacht
In Josephs Grab geschlossen.

27.
Die Juden hatten wohl gehört,
Er würde, wie er selbst gelehrt,
Von Toten auferstehen;
Das halten sie für unwahr sein,
Sie bilden ihnen aber ein,
Es möchte List ergehen.
Drum siegeln sie des Grabes Tür
Und legten starke Wache für;
Umsonst und gar vergebens!
Der Herr dringt durch, kein Fels und Stein,
Kein Wächter mag zu mächtig sein
Dem Fürsten unsres Lebens.

28.
Nun seh und lern ein jedermann,
Wie sehr viel Gutes uns getan
Der Bräutgam unsrer Seelen:
Er nahm auf sich all unser Schuld
Und liess aus treuer Lieb und Huld
Sich unserthalben quälen.
Zerknirschtes Herz, betrübter Geist,
Den seine Sünde nagt und beisst,
Lass Sorg und Kummer fallen,
Weil unser Heiland Jesus Christ
Ein Sündenopfer worden ist
Dir und uns Menschen allen!

29.
Du aber, der du sicher stehst,
Und ohne Busse täglich gehst
In ungescheute Sünden,
Betrachte, was für Straf und Last,
Wenn du dein Mass gefüllet hast,
Dich endlich werde finden!
Denn tut man das am grünen Baum,
So denke, was für Ort und Raum
Der dürre werd erlangen.
O Jesu, gibt uns deinen Sinn
Und bring uns alle, wo du hin
Durch deinen Tod gegangen!

- Paul Gerhardt 1607-1676, deutscher Dichter, Theologe -


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